Geflüchtete sind auch Menschen!

Nachfolgend stelle ich ein Buch vor, dass uns vom Autor Driton Maliqi während unseres Aufenthalts in Mazedonien mitgegeben wurde. Wir haben ihn kennengelernt, als wir das “Tabanovce Refugee Transit Camp” besucht haben. Vielleicht macht euch der Text ja Lust auf mehr und ihr wollt anschließend das Buch lesen. In Coburg könnt ihr es euch gerne bei uns ausleihen.

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Max vom FEEL-Effect

„This book is drawn from our experiences as volunteers at the Tabanovce State Border in the northern part of the Republic of Macedonia. Several trains arrive every day from the southern part of the country, bringing thousands of refugees fleeing from terror and war in Syria. They come from other countries, too, including Iraq and Afghanistan, among others. We call this train the “Caravan of Hope”.”

Thema

Das Thema des Buches „The persistence of hope: 100 stories from the refugee crisis.“ sind Menschen. Menschen, die sich auf die Flucht begeben mussten vor Krieg, Verfolgung und Armut. Mit der Hoffnung auf ein besseres und gerechteres Leben. Es erzählt Geschichten von geflüchteten Menschen, die auf der Balkanroute unterwegs waren, um nach Mittel- und Nordeuropa zu gelangen. Die beiden Autoren Driton Maliqi und Fatmire Ajdari aus Mazedonien haben diese Menschen an der mazedonisch-serbischen Grenze getroffen. Aus den Begegnungen und Erfahrungen haben sie das Buch geschrieben. Es geht darum, wo die Menschen herkommen, wo sie hinwollen, warum sie geflohen sind und was ihre Träume sind. Jede Geschichte steht für sich und alle zusammen setzen ein Zeichen: Denn die Autoren sehen in dem Buch mehr als „nur eine Sammlung von Anekdoten“. Für die beiden ist das Buch „ein Aufruf, ein Protest und eine Anstrengung“ um Menschen dazu zu bringen Geflüchtete als „menschliche Wesen“ wahrzunehmen: Um sie zu betrachten als Menschen, die keine andere Wahl hatten als ihr Heimatland zu verlassen und als Menschen, die zurückkehren wollen, sobald dort wieder Frieden ist. Es ist ein Buch gegen jegliche Vorurteile gegenüber Geflüchteten und es ist sehr gelungen.

Autoren & Entstehungshintergrund

Driton Maliqi und Fatmire Ajdari sind albanischer Herkunft und gehören zur albanischen Minderheit in Mazedonien. Sie sind muslimischen Glaubens. Seit Januar 2015 bis Anfang 2018 hat Driton bei der mazedonischen NGO Légis gearbeitet. Außerdem hat er einen Lehrstuhl für englische Literatur an der Universität in Skopje inne, den er im März 2018 wieder eingenommen hat. Da Driton in Katar arabisch gelernt hat, hat er die meisten Interviews geführt und diese an Fatmire weitergegeben. Das Buch haben beide zusammengeschrieben.

Tabanovce ist ein nicht mal 1000 Einwohner fassendes Dorf auf mazedonischer Seite der Grenze. Am Bahnhof von Tabanovce sind die Flüchtenden ausgestiegen um zu Fuß über die Grenze nach Serbien zu laufen. Direkt neben den Bahngleisen wurde im Spätsommer 2015 ein Camp eröffnet.

Die nächste große Stadt (ca. 8 km Entfernung) ist Kumanovo. Sie ist mit über 73.000 Einwohnern die zweitgrößte Stadt Mazedoniens. Hier kommt Driton Maliqi her und wohnt dort noch mit seiner Familie. Alles fing in der Moschee in Kumanovo an, als im Juni 2015 die ersten Geflüchteten auftauchten. Die Hilfsbereitschaft in der muslimischen Gemeinde war groß. Es wurde Essen und Wasser ausgeteilt. Hier kam Driton, der Mitglied dieser Gemeinde ist, zu seiner Aufgabe, die ihn die letzten drei Jahre begleitet hat und dadurch auch zu den Menschen und ihren Geschichten, die später in diesem Buch niedergeschrieben wurden.

Über den Sommer wurden es immer mehr fliehende Menschen, die zu Fuß oder mit dem Zug nach Tabanovce kamen. Das Dorf und das Camp fanden ab dem Spätsommer 2015 auch Erwähnung in den mitteleuropäischen Medien.[1] Offiziell ist das Lager für 700 Menschen ausgelegt. Zu Hochzeiten hat es jedoch bis zu 2000 Menschen beherbergt.[2]

Aufbau

Das Buch wurde in englischer Sprache verfasst und enthält 245 Seiten. Es besteht aus 112 Kapiteln. Alle bis auf sechs Kapitel sind einer oder zwei Personen gewidmet und tragen neben der Tageszahl auch Pseudonyme für diese Personen. Das Buch ist in Ich-Form aus Driton Maliqis Perspektive geschrieben. Die meisten der Geschichten sind chronologisch angeordnet. Einige wenige sind im Juni 2015 geschehen, aber die meisten zwischen Oktober 2015 und Februar 2016.

Inhalt

Da das Buch eine Mischung aus Kurzgeschichten und Tagebucheinträgen ist, gibt es keinen Handlungsstrang. In jedem Kapitel treten neue Menschen auf. Die meisten Geschichten handeln von syrischen Geflüchteten, aber es gibt auch welche von Menschen aus Somalia, dem Iran, dem Irak und Afghanistan. Dieser Fokus auf syrische Geflüchtete kommt daher, dass damals die meisten Geflüchteten über diese Route aus Syrien stammten.

Auf den ersten Seiten wird ein Ziel des Buches schnell ersichtlich und mit sehr prägnanten Worten verdeutlicht: Es soll Verständnis geschaffen werden für die Situation von Geflüchteten. Es wird versucht den Leser_innen ein Gefühl davon zu vermitteln welche Strapazen, welchen Horror und welche Tragödien die meisten Geflüchteten hinter sich haben; was es bedeutet sein Heimatland aufgrund von Krieg, Terror und Verfolgung verlassen zu müssen. Es wird erzählt, dass Geflüchtete aus den unterschiedlichsten Schichten kommen und alle haben ein Ziel gemeinsam: „To live a better, more peaceful life without shelling, without bombing, without killing, and without the smell of blood.“

Aber es geht auch um die Arbeit, die die beiden Autor_innen geleistet haben. Sie beschrieben sie als die härteste, die sie je gemacht hätten. Sie hätten die schrecklichsten Geschichten gehört und alle von ihnen seien sehr ähnlich zueinander. Helft diesen unschuldigen Leuten! Behandelt sie wie menschliche Wesen, die das Recht haben frei und ohne Angst zu leben. Man sage, dass alle Männer und Frauen unveräußerliche (Menschen-)Rechte hätten, also warum handeln wir nicht so, als ob es tatsächlich die Wahrheit ist? Sind einige Menschen mehr wert als andere? Bitte heißet sie Willkommen und rettet ihre Würde!

Im Buch werden viele relevante Aspekte rund um das Thema Flucht behandelt. Die beiden Autoren versuchen viele Fragen zu beantworten und unterschiedlichste Schicksale darzustellen. Drei Fragen stehen bei fast jeder Begegnung im Mittelpunkt: Wo kommst du her? Wo willst du hin? Würdest du wieder in deine Heimat zurückgehen, wenn sich die Zustände zum Positiven geändert hätten und dort ein Leben in Frieden und Freiheit möglich wäre? Die Antworten sind vielfältig. Was die Menschen sonst Driton und Fatmire anvertrauen, hängt von den einzelnen Personen ab. Die Empathie, die bei diesen Begegnungen den fliehenden Menschen gegenüber gebracht wird, ist meines Erachtens für die Leser_in spürbar. Ein Themenblock, der häufiger vorkommt sind die Geschichten, die Krieg, Verfolgung und Vertreibung mit sich bringen. Zum Beispiel durch Krieg und Flucht getrennte Familien, getötete Familienangehörige, Kriegsverletzungen, zerstörtes Eigentum und traumatisierte Menschen. Außerdem werden Dinge, die auf oder aufgrund der Flucht passieren, genannt. Die Menschen erzählen davon, dass sie ihre Häuser verkaufen mussten und gar nichts mehr besitzen außer dem einen Rucksack auf ihren Schultern, andere mussten sich Geld leihen um zu fliehen. Menschen mit einer körperlichen Behinderung sind ohne Rollstühle, sondern in Schubkarren unterwegs. Das Thema der Flucht ist jedoch die Meeresüberfahrt. Sehr viele Geflüchtete erzählen von der Überfahrt aus der Türkei nach Griechenland, von überfüllten Booten, von hohen Wellen. Als Leser_in bekommt man ein wenig eine Ahnung, was es bedeuten könnte mit seinen Kindern auf solch ein Boot zu steigen oder wie es ist als Einbeiniger, der nicht alleine Schwimmen kann, diesen mutigen Schritt zu wagen. Die Autor_innen erzählen immer wieder, dass Menschen, die etwas erzählen es wieder durchleben. Häufig wird von Trauer und Tränen und anderen Emotionen berichtet, wenn die Menschen von der Überfahrt erzählen.

Eine weitere Frage, die das Buch versucht zu beantworten, lautet: Was sind die Wünsche und Bedürfnisse der fliehenden Menschen? Viele wünschen sich, dass sie endlich vergessen können, was sie durchleben mussten. Sie wollen endlich mit ihrer Familie zusammen sein und ein „normales“ Leben in Frieden und Freiheit leben. Außerdem wünschen sich viele Frieden und Freiheit für ihre Heimat. Auf die Frage, ob sie zurückkehren wollen, wenn dieser Fall eintritt, sind die Meinungen geteilt. Die eine Hälfte sagt, dass sie nachdem, was sie erlebt haben nie wieder in das Land zurückkehren können. Die andere Hälfte sagt, dass sie sobald in ihrer Heimat Frieden herrscht, zurückkehren werden. Mir als Leser, kam folgende Frage in den Kopf: Was müsste in meiner Heimat passieren, damit ich fliehe und sage, dass ich nie wieder zurückkehren würde?

Bewertung

Die Autor_innen schaffen es auf eine sehr persönliche Art und Weise von ihrer Arbeit und von den Geschichten der Menschen zu erzählen. Ihre persönliche Empathie gegenüber jedem individuellen Schicksal überträgt sich auf den Erzählstil und dadurch auf die Leser_in. Driton Maliqi spricht arabisch und hat dadurch die Möglichkeit mit vielen der Geflüchteten in ihrer Sprache zu sprechen und sie zu verstehen. Dadurch erfährt die Leser_in in kurzen prägnanten Geschichten viel über die Menschen, was definitiv eine der Stärken des Buches ist. Das Buch zeigt einerseits, wie viele Menschen fliehen und geflohen sind. Die Geschichten wiederholen sich. Es kann jeden treffen. Andererseits schaffen es die Autor_innen durch die einzelnen Geschichten von verschiedenen Menschen auf einer individuellen Ebene über das Thema Flucht zu berichten. Sie zeigen, dass es um einzelne Individuen geht und nicht um die große Masse. Der Leser_in wird dadurch deutlich, dass eine Flucht aus dem Heimatland vor schrecklichen Ereignissen in aller erster Linie ein persönliches Drama ist. Eine Stelle, die mich persönlich sehr berührt hat, ist aus dem Kapitel „Day 101: Solayman“. Solayman erzählt: „A lot of my friends were killed in the war. Sometimes when I open the contact list on my phone, I cannot find a single person I know to be alive.” Solche Sätze ließen für mich erst die ganze Tragik und Dramatik erkennen, die einzelne Individuen durch solch einen Krieg, wie er in Syrien stattfindet, ertragen müssen. Das Buch bringt die entscheidenden Aspekte von Flucht und Krieg auf den Punkt (Bsp.: They cannot go back home; they have no home left.).  Viele Menschen aus Kriegsgebieten haben ihr zu Hause verloren, es existiert nicht mehr, da es zerstört oder geplündert wurde. Gerade wenn man solch persönliche Aspekte betrachtet sind (populistische) Argumente, die in der gesellschaftlichen Diskussion über Flucht und Asyl genannt werden („Kommen wegen des Geldes“ „Aber die müssen ja nicht alle zu uns kommen“), eine Farce. Jeder Mensch, der sich versucht vorzustellen Familie und Freund_innen sowie Hab und Gut zu verlieren, kommt schnell zu dem Schluss, dass es keinem Menschen, dem so etwas widerfährt, um ein paar hundert Euro geht, die irgendein Staat ihm gibt. Wer kann es jemanden verdenken, der sein Zuhause und geliebte Menschen verliert, dass sich derjenige als neuen Ort zum Leben ein Land aussucht, welches gute Voraussetzungen zum Leben bietet? Wer würde nicht genauso handeln?

Eine weitere Stärke des Buches ist es, dass viele Vorurteile aus dem Weg geräumt werden. Zum Beispiel wird im Kapitel „Day 33: Marwan“ auf den Vorwurf eingegangen, warum Geflüchtete immer die neuesten Smartphones hätten. Hier wird kurz und bündig erklärt woran das liegt. Ein wichtiger Satz wird hier geschrieben: „Don’t judge refugees for something that you would do or have in the same situation.”

Kommen wir nun zu den Vorhaben der Autor_innen. Das Buch solle „ein Aufruf, ein Protest und eine Anstrengung“ sein um Menschen dazu zu bringen Geflüchtete als „menschliche Wesen“ wahrzunehmen. Ich bin der Meinung, dass die Autor_innen dieses Vorhaben mit Bravour umgesetzt haben. Wie zuvor schon ausgeführt sind die Geschichten sehr persönlich und stellen den einzelnen Menschen in den Mittelpunkt. Darüber hinaus soll das Buch für Menschen, die wenig über die Umstände der „globalen Flüchtlingskrise“ wissen, gedacht sein. Ich denke, dass dieses Buch auf jeden Fall für viele einen großen Mehrwert hat, denn die Leser_in erfährt durch persönliche Berichte viel über die Umstände von Krieg, Verfolgung und Flucht.

Fazit

Abschließend lässt sich festhalten, dass ich das Buch positiv bewerte und empfehlen kann. Betrachtet man die Idee und den Aufbau des Buches, gibt es wenig bis gar keine Kritik an der Umsetzung. Besonders für West- und Mitteleuropäer_innen ist solch ein Buch eine Bereicherung. Die Generation derer, die selbst noch Krieg und Flucht erlebt haben, stirbt in Deutschland langsam aus. Menschen aus Mazedonien, wie z.B. Driton Maliqi, waren teilweise vor 20 Jahren selbst Geflüchtete. Dadurch können sie eine Perspektive zum Thema Flucht bieten, welche wenige Menschen in Deutschland erfahren haben.

Das Buch schafft es sehr gut die Geschichten der Menschen zu transportieren und jeden einzelnen von ihnen als menschliches Wesen wahrnehmbar zu machen. Es dient zum Dialog und kann Ängste und Vorurteile vertreiben. Meine Erfahrung zeigt, dass man Menschen nur kennenlernen muss um Ängste und Vorurteile zu verlieren. Die Autoren sehen das ähnlich: “I recognize that there are some people in my country who believe refugees are terrorists or potential terrorists; however, if these people were to come here even once or were to spend even a single day or night with the refugees, I am sure that perceptions would change.” Wenn dieses Buch einen Beitrag zum Abbau von Vorurteilen leisten kann, dann könnten vielleicht wieder mehr Menschen für anstatt gegen die Bedürfnisse von Geflüchteten kämpfen und Fatmire Ajdaris Forderung geht in Erfüllung: “They need a safe place to live with a peaceful home, and to be treated once more as human beings.”

[1] Siehe: http://www.spiegel.de/video/balkanroute-fluechtlinge-ziehen-durch-tabanovce-video-1621044.html

[2] Siehe: http://www.dw.com/en/hundreds-of-refugees-stranded-on-macedonian-serbian-border/a-19113466

Buchinformationen

Titel: The persistence of hope: 100 stories from the refugee crisis.

Autor: Driton Maliqi & Fatmire Ajdari.

Erscheinungsjahr & Ort: 2017, Skopje.

Verlag: Eigenveröffentlichung.

 

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