Die stille Katastrophe

Von Sarah Kastner

Was soll das sein, die stille Katastrophe? Es ist genau das, was ich erlebt habe und immer noch sehe. Es ist der Mantel des Schweigens, der hier bei uns über die „Flüchtlingskrise“ an Europas Grenzen gelegt wird. Es ist das Schweigen über all das, was gerade, zum Beispiel, in Griechenland passiert. Tag für Tag machen sich Menschen auf den gefährlichen Weg nach Griechenland, voller Hoffnung und Verzweiflung zugleich. Voller Angst und freudiger Erwartung auf Sicherheit und den inneren Frieden, den sie dringend brauchen. Männer Frauen und Kinder begeben sich in die Fluten, um ihr Leben zu retten. Doch hören wir von den vielen Menschen die täglich auf den griechischen Inseln stranden, die in Scharen über das Mittelmeer kommen?

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Dies ist ein Facebook-Post von „Agean Boat Report“ vom 15. August, der über 192 neu angekommene Geflüchtete auf Lesbos informiert.

Es geht nicht mehr durch die Presse, kein Aufschrei geht durch ganz Deutschland. So viele Menschen suchen Schutz vor Krieg, Verfolgung und Hunger. Und von den menschenunwürdigen Bedingungen, in denen sie in Camps in Griechenland untergebracht werden, will niemand etwas wissen oder reden.

Ich war selbst dort, habe im Flüchtlingscamp Moria auf der Insel Lesbos gearbeitet. Und es ist faszinierend, wie ein ehemaliges Gefängnis mit über 8000 Menschen, Campingzelten auf Betonfußboden, barfüßigen Kindern zwischen Staub und Dreck, Gewalt, Prostitution, Drogenhandel und erniedrigender Behandlung einfach ausgeblendet werden kann in den Medien. Wo bleibt der Aufschrei, den diese Menschen brauchen?

Bilder aus dem Flüchtlingscamp Moria auf Lesbos *

Für sie ist im Moment Drogen- und Alkoholmissbrauch der einzige Ausweg, um vor der Ungewissheit und dem beklemmenden Gefühl in der Brust zu fliehen.

Was wird morgen passieren? Wie kann ich meine Familie beschützen? Werde ich meine Familie je wiedersehen? Darf ich bleiben? Wie kann ich die furchtbaren Bilder aus meinem Kopf loswerden? All die Albträume?

Eine Generation an Kindern geht verloren, weil sie in einem Flüchtlingscamp aufwachsen, dass Gewalt und Missbrauch als Alltag vorlebt. Dort sehen sie, dass Selbstverletzung, Suizidversuche und Substanzmissbrauch der einzige Weg sind, um die Situation einigermaßen zu ertragen. Diese Generation hat keine Bildung, geringe Sozialkompetenzen, weil sie sich immer behaupten müssen, und keine Perspektive.

Lasst uns ihr Sprachrohr sein! Informiert euch und tragt Informationen weiter!

Geht in die Camps und helft mit! Sogar zwei Wochen können den Organisationen vorort schon helfen.

Lasst uns die stille Katastrophe in eine Katastrophe verwandeln, die gehört und gesehen wird!

Falls ihr euch über die Situation auf den griechischen Inseln informieren wollt, empfehle ich euch dieser Facebookseite zu folgen: https://www.facebook.com/AegeanBoatReport/. Dort werden immer wieder die neuesten Informationen weiterverbreitet. Teilen ist natürlich auch gerne gesehen!

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Übersicht über Hilfsorganisationen, die auf Lesbos tätig sind.

* Die gezeigten Bilder wurden nicht von der Autorin selbst aufgenommen. Das Fotografieren innerhalb des Camps Moria ist nicht erlaubt.