Aufbruchstimmung – Ein Versuch der Selbstbestimmung

Wenn Geflüchtete versuchen ihre Zukunft selbst in die Hand zu nehmen 

Zwei Tage nach unserer Ankunft in Thessaloniki machten wir uns mittags auf den Weg in die Stadt, um ein bisschen einzukaufen, spazieren und Kaffee trinken zu gehen. Als wir an einem großen Platz (Aristotelous Square) ankamen, haben wir Menschen mit Gepäck und Decken unter einer Arkade liegen sehen. Kurze Zeit später wurden wir von Mohammed und Maher gerufen, die wir bei Habibi.Works kennengelernt haben. Sie erzählten uns, dass sehr viele Menschen nach Thessaloniki gekommen sind, um am Abend gemeinsam nach Mazedonien aufzubrechen. Manchen hätten bereits die vergangene Nacht auf dem Platz geschlafen, andere seien erst im Laufe des Tages angekommen, oder seien noch auf dem Weg. Auf die Frage, ob sie Schlafsäcke dabeihaben, lautete die Antwort: Nein. Da wir noch ein paar Decken, Jacken, Pullover und wenig Schlafsäcke im Auto hatten, liefen wir los, um die Sachen zu holen und an die Menschen zu verteilen. In solchen Situationen ist es natürlich immer schwer zu entscheiden, wer etwas bekommt und wer nicht. Selbstverständlich würden wir am liebsten allen der geschätzt 80-100 Menschen helfen und ihnen geben was sie brauchen, jedoch reichten hierfür unsere Mittel nicht aus. Genau aus diesem Grund haben wir uns zuerst auch darüber Gedanken gemacht, ob wir überhaupt etwas verteilen. Wir haben uns letztlich dazu entschlossen die Schlafsäcke an Familien zu verteilen und die Menschen zu bitten miteinander zu teilen und sich abzuwechseln. Auch bei den Decken haben wir uns Mühe gegeben, eine faire Verteilung so gut es geht zu ermöglichen: Unser Ziel war es jeder „Gruppe“ eine der Decken zu geben und erneut darauf zu hoffen, dass sie sich untereinander aushelfen.

Als es kurz darauf begonnen hatte zu regnen, haben wir uns entschieden Regenponchos zu kaufen und diese an Kinder und teilweise auch Erwachsene zu verteilen. Erneut hatten wir die Situation zu wenig für alle dabei zu haben. Zum Glück konnte sich das durch die Unterstützung von anderen Volunteers im Nachhinein ausgleichen (siehe weiterer Verlauf des Artikels). Darüber hinaus ist uns aber auch bewusstgeworden, dass die Menschen weder ausreichend Essen hatten, noch die Möglichkeit ihre Telefone zu laden, um sich auf dem Weg orientieren und Kontakt mit Anderen aufnehmen zu können.

Immer mehr hat sich das Gefühl bei uns breitgemacht, alleine nicht viel helfen zu können. Glücklicherweise hatten wir einen tollen Kontakt in Thessaloniki, den wir angerufen und um Hilfe gebeten haben. Gemeinsam mit einer Freiwilligen kam er direkt zu uns und hat uns unterstützt – auch die Presse war nun vor Ort. Durch die beiden haben wir Zugang zu einer Küche bekommen, in der die Menschen für Obdachlose und Bedürftige kochen. Aufgrund der Notsituation an diesem Tag, haben sie sich dazu entschieden mehr Essen zu machen und dieses an die Geflüchteten zu verteilen. Wir haben uns aufgeteilt und waren sowohl auf dem Platz selbst, als auch in der Küche aktiv. Die Geflüchteten wurden in Schüben zu der Küche begleitet, konnten sich aufwärmen, haben etwas Warmes zu Essen sowie Regenponchos bekommen und hatten zumindest teilweise die Möglichkeit ihre Telefone zu laden.

Während wir bei der Essensausgabe in der Küche geholfen haben, hat sich eine andere Gruppe auf dem Square versammelt und abgepacktes Essen verteilt. Auch die Journalisten waren weiterhin vor Ort, um von der Situation zu berichten und die Menschen zu interviewen.

Das ganze Zusammenkommen der geflüchteten Menschen entstand durch eine Facebook-Veranstaltung, welche bereits im Oktober veröffentlicht wurde. Außerdem erzählen einige, dass die Grenzen offen seien, was selbstverständlich nicht stimmte! Zwar haben wir versucht dies zu erklären und zu berichtigen, viele antworteten jedoch, dass sie davon wüssten und sich davon nicht aufhalten ließen. Andere wollten uns nicht glauben, was natürlich absolut nachvollziehbar ist: Viele berichteten von unzumutbaren Zuständen in Griechenland, dass sie auf der Straße leben würden und keinerlei Unterstützung bekämen. Das Ziel der meisten Menschen ist es nach Deutschland, Frankreich oder Schweden zu kommen, sich dort sicher fühlen zu können und Arbeit zu finden. Das ewige Warten und Nichtstun sind sie leid, sie möchten jetzt los und erzählten uns, dass sie in einem bis zwei Monaten in Deutschland sein möchten und werden. Der erste Schritt – das Verlassen Griechenlands – solle endlich geschehen.

Wir waren in einer schwierigen Situation, fühlten uns teilweise unsicher und überfordert. Einerseits wussten wir, dass wir die Leute nicht überzeugen können zu bleiben. Das wollten wir eigentlich auch gar nicht, weil wir uns vorstellen konnten, wie schrecklich und ausweglos ihre Situation sein muss. Trotzdem waren wir uns darüber bewusst, dass die Grenzen geschlossen sind – nicht nur die Grenze zu Mazedonien, sondern vor allem die ungarische und kroatische Grenze. Darüber hinaus regnete es, es war bereits dunkel und es waren viele Kinder, zwei schwangere Frauen sowie ein Kind mit Behinderung dabei. Der Plan in einer Gruppe von 150-200 Menschen die Stadtgrenze zu verlassen und ungesehen die Grenze zu passieren erschien uns darüber hinaus sehr unwahrscheinlich.

Die Stimmung blieb jedoch auch nach einigen Gesprächen gleich: Es werde noch auf Leute aus Athen gewartet, dann werde man sich gemeinsam auf den Weg machen. Der Plan sei es zur Zugstation zu laufen und von dort aus zu fahren. Sollte dies nicht funktionieren, würden sie eben laufen.

Gegen halb acht versammelten sich die Menschen auf dem Platz, wir spielten mit den Kindern und der „Guide“ verkündete etwas per Mikrofon. Kurz darauf setzte sich die Gruppe – inklusive uns – in Bewegung. Etwa fünfzig Meter vor dem Erreichen der Zugstation wurde die Kolonne von mehr als 60 Polizist*innen in Vollmontur gestoppt. Neben schutzsicheren Westen und Schutzschildern hatten sie auch Schlagstöcke, Pistolen und Tränengas dabei. Die Geflüchteten fragten was das Problem sei – sie sollten wieder in ihre Camps zurückgehen. Da kein Durchkommen zu erwarten war, setzten sich die Menschen auf den Boden, begannen zu reden und zu kochen. Gegen halb zwölf in der Nacht wurde die Situation aufgelöst und die Menschen haben sich einen Platz zum Schlafen gesucht. Der Plan ist nun in kleineren Gruppen und an verschiedenen Tagen aufzubrechen und erneut zu versuchen die Stadtgrenze verlassen zu können.

An so einem Tag ist uns wieder einmal bewusstgeworden, in welch unterschiedlichen Welten wir leben. Wir waren auf dem Weg in die Stadt zum Bummeln – die Geflüchteten auf dem Weg in eine (hoffentlich) neue Heimat, über einen endlosen Weg über verschiedene Grenzen. Sie sehen sich noch lange nicht am Ziel, möchten endlich weiterkommen und haben teilweise utopische Vorstellungen wie schnell sie ankommen werden. Vor allem haben sie aber sehr viel Hoffnung auf ein besseres Leben, darauf den Weg zu meistern und zu ihrer Familie zu stoßen – oder ihre Familie irgendwann nachholen zu können. Letztendlich können wir ihnen allen nur alles Gute und viel Glück auf dem, hoffentlich nicht zu langen, Weg wünschen!