Von Griechenland bis Belgrad – Die Balkanroute und ihre Grenzen

Donnerstag, 2.11.17 – Igoumenitsa (Griechenland)

Igoumenitsa ist ein griechischer Hafen im Nordwesten des Landes. Von hier aus fahren Fährschiffe unter anderem nach Venedig, Ancona und Bari und somit stellt der Hafen eine innereuropäische Grenze dar. Viele Geflüchtete wollen aufgrund der Situation des griechischen Staates in Länder mit besserer Zukunftsperspektive. Seit der „Schließung“ der Balkanroute ist der Seeweg nach Italien eine der vielversprechendsten Routen. Wir waren vor Ort, um uns ein Bild von der Hafenanlage zu machen und haben das Ablegen sowie Ankommen je eines Schiffes beobachtet.

Die Menschen, die diese Grenze ohne gültige Papiere passieren wollen, verstecken sich – so Erfahrungsberichte von Geflüchteten – vor der Abfahrt der Schiffe in den LKWs oder Bussen. Somit haben wir keine Menschen getroffen, die die Grenze „illegal“ passieren wollten. Eine sehr interessante Begegnung gab es aber trotzdem. Vor dem Abfahrtsterminal kamen wir mit Mazlum, einem 27-jährigen syrischen Kurden aus Kamischli ins Gespräch, der gerade seinen Vater zum Schiff gebracht hatte. Sein Vater trat die Rückreise nach Deutschland an, da er dort Asyl besitzt. Genauso wie seine beiden Brüder, die ein Café in Dortmund betreiben. Mazlum hat Asyl in Griechenland bekommen. Sein 3-jähriges Kind ist bei seiner Familie in Deutschland. Die Mutter des Kindes sei in Syrien gestorben. Aktuell fahre er häufig nach Deutschland, um sein Kind und seine Familie zu besuchen. Er warte darauf seine Freundin, „die neue Mutter seines Kindes“ heiraten zu können und dann endgültig nach Deutschland zu seiner Familie zu können.

Freitag bis Sonntag, 3.11. – 5.11.17 – Polykastro/Idomeni (Griechenland) & mazedonisches Grenzgebiet

Unser nächster Stopp waren Polykastro und Idomeni. Die Orte an denen ab Ende 2015, durch die Schließung der griechisch-mazedonischen Grenze, inoffizielle Camps entstanden sind und auf welche die mediale Aufmerksamkeit über Wochen gerichtet war. Europäische Grenzpolizisten von Frontex und arabische Grafittis sind mittlerweile einige der wenigen Überreste der Geschichte von Geflüchteten in Idomeni. In Polykastro waren wir bei der EKO-Tankstelle, wo sich das EKO-Camp gebildet hatte und beim Hotel „Hara“. Auch hier hatte sich ein informelles Camp gebildet und das Hotel war ein zentraler Treffpunkt für Schleuser in der Region[1].

(oben links: ehemaliger Ort des Eko-Camps, oben rechts: Bahnhof von Idomeni, unten links: Natodraht an der unbewachten Grenzen nahe des Dojran-Sees, unten rechts: Grenzzaun bei Bogoroditsa)

Anschließend sind wir die Grenze entlang Richtung Osten bis zum Dojran-See gefahren. Hier haben wir eine Stelle gefunden an der die Grenze nicht durch einen meterhohen Zaun gesichert ist, sondern wir sie ohne Probleme passieren konnten. Am See haben wir dann die Grenze am offiziellen Grenzübergang überquert und sind wieder Richtung Westen zum Grenzübergang bei Idomeni gefahren. Bei dem Dorf Bogoroditsa sind wir ausgestiegen und zu Fuß bis zum Grenzzaun gelaufen. So nah an einer solch stark befestigten Grenze zu stehen, war sehr beeindruckend. Unser letzter Halt war Gevgelija, eine Grenzstadt, die direkt auf der anderen Seite von Idomeni liegt. Auch hier wollten wir nochmals so nah wie möglich an die Grenze herankommen, haben uns allerdings von der anwesenden Polizei einschüchtern lassen und sind umgekehrt. Wir hatten nun den Eindruck genug von der Grenze gesehen zu haben und sind weiter nach Skopje – zu unserem nächsten Halt – gefahren.

Montag, 6.11.17 – Skopje (Mazedonien)

Hier haben wir uns auf die Suche nach lokalen Organisationen und Projekten begeben, die in der Flüchtlingshilfe tätig sind. Die NGO Légis ist bei unserer Online-Recherche als eine der wenigen lokalen Akteure herausgekommen. Daraufhin haben wir uns für einen spontanen Besuch in ihrem Hauptquartier entschieden. Der Präsident der NGO Jasmin Redjepi hat uns mit offenen Armen empfangen und uns eineinhalb Stunden lang zur Situation in Mazedonien und die Arbeit der NGO Rede und Antwort gestanden. Aktuell seien sehr wenige Geflüchtete in Mazedonien. Hier wolle keiner bleiben und das verstehe Jasmin auch. Außerdem hat es uns Jasmin ermöglicht am 8.11. das Transit-Camp in Tabanovce an der mazedonischen-serbischen Grenze zu besuchen und uns Valon Arifi als Kontakt in Serbien vermittelt. Dadurch hat sich unser nächster Aufenthaltsort ergeben.

Dienstag, 7.11.17 – Presevo (Serbien)

Gegen Mittag haben wir Valon in einer Pizzeria in der serbischen Grenzstadt Presevo getroffen. In Presevo lebt die größte albanisch sprachige Minderheit Serbiens. 89,1% der Bevölkerung sind Albaner[2]. Ein Großteil der jungen Menschen verlasse Presevo, um in der „Diaspora“ in Deutschland und der Schweiz ihr Geld zu verdienen. Mit Valon haben wir über die aktuelle Situation der Geflüchteten in der Region und in ganz Serbien gesprochen. Er selber ist seit August 2015 in der Flüchtlingsarbeit aktiv konnte uns erzählen, wie es damals in Presevo gewesen ist, als bis zu 15.000 Geflüchtete pro Tag die Stadt durchquerten. Er selber hat damals die NGO „Youth for Refugees“ gegründet und das Café „Umbrella“[3] für Geflüchtete gestartet. In den letzten drei Jahren wurde er drei Monate für seine Arbeit bezahlt.

(links: Valon, Henning, Laura und Kathi in Flemurs Bar, rechts: Eingang zum Presevo-Camp)

Mittwoch, 8.11.17 – Tabanovce (Mazedonien)

Nachdem die Genehmigung für den Besuch des Camps am Vortag eingegangen war, sind wir vormittags zum Camp auf der mazedonischen Seite der Grenze gefahren. Zwei Tage zuvor hatte uns Jasmin von der NGO Légis erzählt, dass aktuell 13 Geflüchtete in dem Camp leben. Eigentlich sei das Camp für ca. 400 Menschen ausgelegt und zu Hochzeiten hielten sich 1200 Menschen im Camp auf und haben in den Büros der NGOs geschlafen. Es handelt sich um ein geschlossenes Camp, das die Menschen nicht verlassen dürfen.

Am Camp haben wir uns mit Driton, Fylon und Fisnik von Légis getroffen. Sie haben uns eine ausführliche Tour durch das Camp gegeben und über ihre Arbeit innerhalb und außerhalb des Camps erzählt. Am Tag unseres Besuchs war nur ein einziger Geflüchteter aus dem Tschad im Camp. Die anderen sind am Tag zuvor Richtung Griechenland aufgebrochen. Driton zufolge gebe es in letzter Zeit immer mehr Menschen, die aus Serbien zurückkommen und nach Griechenland wollen, da sie keine Hoffnung mehr haben die geschlossenen Grenzen nach Kroatien oder Ungarn zu passieren. In Mazedonien seien aktuell nur Menschen in Camps, die weder Geld noch Kraft für eine Weiterreise haben und ihre Hoffnung verloren haben Orte zu erreichen, an denen sie sich eine neue Perspektive aufbauen können.

Es war von Beginn an ein sehr herzliches Verhältnis und sie haben vertrauensvolle Informationen über ihre Arbeit mit uns geteilt. Sehr eindrücklich waren ihre Geschichten aus ihrer Arbeit in dem Dorf Lojane. Hier ist der Treffpunkt, um über die Grenze nach Serbien zu kommen und unzählige Schleuserbanden haben sich dort niedergelassen[4]. Die Menschen, die weiter Richtung West- und Mitteleuropa wollen, leben hier in den Bergen in Holzhütten und Zelten und warten auf ihre Weiterreise. Aktuell seien es circa 200 Menschen. Andere, die es sich leisten können, warten im Dorf in Häusern und Wohnungen. Légis hat hier eine Niederlassung eingerichtet und versorgt die Menschen mit Informationen und dem Nötigsten zum Leben. Da Geflüchtete mittlerweile nicht mehr offiziell durch Mazedonien reisen dürfen, müssen sie 1000€ an Schleuser zahlen um Mazedonien zu durchqueren, so Fylon.

Driton, der Professor für Sozialwissenschaften an der Universität in Skopje ist, hat gemeinsam mit einem amerikanischen Volunteer ein Buch mit dem Titel „100 stories from the refugee crisis.“ geschrieben. Er hat uns zwei Exemplare mitgegeben und war sehr an einem Feedback interessiert. Zum Abschluss haben wir ihnen noch für ihre Arbeit 10 Paar gebrauchte Schuhe, die wir bei Habibi.Works und in einem Warehouse in Ioaninna bekommen haben, als Sachspende übergeben.

Donnerstag, 9.11.17 – Presevo (Serbien)

Nun hatten wir die Möglichkeit das Camp in Presevo kurz mit Valon zu besuchen. Das Camp beherbergt sowohl Familien als auch alleinstehende Männer. Unser Eindruck war, dass das Camp recht gut ausgestattet ist. Die Familien haben kleine alleinstehende Unterkünfte, die jedoch für den Winter zu kalt sind. Im Camp gibt es jedoch auch ein großes Gebäude. Hier wurden Räumlichkeiten für alle Menschen eingerichtet, sodass im Winter keiner frieren muss. Im Camp gibt es ein Volleyballfeld, einen Fußballplatz, eine Bibliothek, einen Barbier, das Café Umbrella und auch einen sehr schönen Bereich für Kinder inklusive Betreuung. Leider hatten wir auch hier – genau wie in Mazedonien – keine Erlaubnis Fotos zu machen.

Am Abend galt es Abschied zu nehmen von Valon und seinen Freunden, die uns mit offenen Armen empfangen haben und uns eine schöne Zeit in Presevo bereitet haben.

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23546905_1901801119847121_4926550_o (oben: Kunstwerk eines Geflüchteten im Presevo-Camp, unten: Kasi, Laura, Valon, Max, Barbesitzer Flemur, Hedon)

Freitag, 10.11.17 – Belgrad (Serbien)

Morgens sind wir nach Belgrad aufgebrochen. Zwei Tage zuvor hatte uns das Projekt von Rigardu in Serbien abgesagt, da wir insgesamt zu viele Freiwillige gewesen wären. Dies war einerseits schade, da wir uns auf die Arbeit gefreut hatten. Andererseits wollten wir unter keinen Umständen überflüssig sein, insofern war es gut, dass sie so ehrlich waren und uns abgesagt haben. Nun waren wir auf dem Weg nach Belgrad mit dem Ziel ein neues Projekt zu finden. In den Tagen zuvor hatten wir schon mehrere Projekte kontaktiert, jedoch kein Glück gehabt. Die letzte Woche war sehr abwechslungsreich und wir haben viele interessante Eindrücke bekommen. Wir hoffen, dass wir schnell ein neues Projekt finden und werden euch auf dem Laufenden halten, sobald es was Neues gibt.

Bis bald, euer FEEL-Effect-Team.

P.S.: Mehr Fotos zu den beschriebenen Orten findet Ihr in der Mediathek unter „Grenzsituationen & Balkanroute“.

 

 

[1] http://www.fr.de/politik/flucht-zuwanderung/schleuser-das-wasser-sucht-sich-neue-wege-a-371568

[2] https://de.wikipedia.org/wiki/Preševo

[3] https://www.youtube.com/watch?v=2cJAnLVlcXI

[4] http://www.dw.com/de/das-dorf-der-schleuser-wartet-auf-kunden/a-19032636