Heval – Eine Chronik des Wartens

Ich möchte Euch von Heval erzählen. Ich kenne diesen Mann nun schon seit mehr als fünf Wochen und mich bewegt seine Geschichte zutiefst. Heval hat seine ganz eigene Geschichte und dennoch steht er stellvertretend für so viele Menschen im griechischen Asylsystem.

Da Hevals Geschichte noch nicht zu Ende ist, wurde zu seinem eigenen Schutz und dem Schutz seiner Familie, Hevals Name in diesem Blogeintrag geändert. Außerdem hätte ich Euch zu gerne Bilder von ihm gezeigt. Doch zu seiner Sicherheit gibt es nur ein Bild, auf dem er von hinten zu sehen ist.

Doch von Anfang:

05.10.2017:

Es ist Donnerstag der 05. Oktober und heute ist bei Habibi.Works ein Mann aus dem Irak erschienen. Sein Name ist Heval. Hevals Situation unterscheidet sich von der Situation der anderen Menschen, die uns bei Habibi.Works besuchen. Er befindet sich erst seit wenigen Tagen in Griechenland und wurde noch nicht von den Behörden registriert. Und das obwohl er es versucht hat. Er war bei der Polizei und wurden von den Beamten wieder weggeschickt.

Registriert zu werden bedeutet, Zugang zum Hilfesystem zu bekommen. Es bedeutet, dass er einen Schlafplatz in einem Flüchtlingscamp bekommt, etwas zu essen und finanzielle Unterstützung. Sich registrieren zu lassen, ist der erste wichtige Schritt, um das Asylverfahren zu starten. Auf der anderen Seite bedeutet es in Griechenland auch, dass man ins Gefängnis kommt. Mindestens für 24 Stunden. Manchmal aber auch über mehrere Monate. Begründet wird dies von der Polizei (Telefonat einer Freiwilligen von Habibi.Works mit einem Polizeibeamten) damit, dass sich diese Menschen illegal im Land aufgehalten hätten. Selbst Kinder werden daher eingesperrt. Wobei „Illegalität“ bedeutet, dass diese Menschen weder einen Pass aus ihrem eigenen Land besitzen noch haben sie ein Visum für Griechenland.

In Art. 31 der Genfer Flüchtlingskonvention heißt es hingegen:

„1. Die vertragschließenden Staaten werden wegen unrechtmäßiger Einreise oder Aufenthalts keine Strafen gegen Flüchtlinge verhängen […], vorausgesetzt, dass sie sich unverzüglich bei den Behörden melden und Gründe darlegen, die ihre unrechtmäßige Einreise oder ihren unrechtmäßigen Aufenthalt rechtfertigen.“

Die Abweisung der Polizei ist rechtswidrig und zwingt die Menschen in die Illegalität. Ohne Anspruch auf Unterstützung, obwohl sie sich registrieren und Asyl beantragen wollen. Zusätzlich werden HelferInnen kriminalisiert, wenn sie diese Menschen unterstützen, die Unterstützung am meisten nötig haben.

Heval wollte sich heute bei der Polizei registrieren lassen. Doch die Polizei schickte ihn wieder weg. Er solle am Montag, in vier Tagen, wiederkommen. Nun ist er völlig auf sich alleine gestellt. Er bekommt keine Hilfe und hat keinen Platz zum Schlafen, und das obwohl es nachts schon bitterkalt wird. In seiner aussichtslosen Lage wurde er von Bekannten zu uns gebracht.

Als Heval vor uns steht, ist er sehr zurückhaltend und überlässt das Reden den Anderen. Auch wir dürfen ihm keinen Platz zum Schlafen anbieten. Sonst machen wir uns strafbar. Jedoch entscheiden wir, alles was im Rahmen der „Legalität“ möglich ist, zu unternehmen, um ihm zu helfen. So werden Telefonate mit den übrigen Organisationen in Ioannina geführt, um etwas zum Übernachten zu organisieren. Doch selbst die großen Organisationen wie UNHCR (United Nations High Comissioner for Human Rights, eine Einrichtung der Vereinten Nationen, die sich mit der Anerkennung und Einhaltung der Menschenrechte befasst) oder Oxfam (internationaler Verbund von Hilfsorganisationen) sind nicht in der Lage Heval zu helfen.

09.10.2017:

Vier Tage ist es nun her, dass Heval bei Habibi.Works erschienen ist, um Hilfe zu suchen. Seitdem sind wir mit ihm in Kontakt geblieben. In dieser Zeit habe ich mich mit etwas mit ihm angefreundet. Soweit das möglich ist, wenn man keine gemeinsame Sprache spricht. Ich kann ihn inzwischen mit „Hallo, wie geht es dir“ auf Kurdisch begrüßen und die passende Antwort bekomme ich auch noch zustande, wenn er mir dieselbe Frage stellt. Jedes Mal, wenn wir diese Wortfetzen miteinander austauschen, freut er sich und lacht mich herzlich an.

Wenn wir mit ihm wichtige Themen besprechen wollen, sind wir stets auf einen Übersetzer angewiesen. Ein Freiwilliger aus dem Habibi.Works-Team spricht zwar Arabisch, jedoch kein Kurdisch, weshalb auch er nicht immer weiterhelfen kann. So müssen immer wieder Geflüchtete, die uns hier besuchen, oder Übersetzer via Telefon aushelfen.

Inzwischen weiß ich auch etwas mehr über Heval. Er ist 35 Jahre alt und hat eine Familie im Irak. Mit seiner Frau und seinen drei Kindern telefoniert er jeden Tag. Diese Telefonate sind abgesehen vom Warten die einzigen Beschäftigungen, die er hier hat. Er war in den letzten Tagen zum Warten verdammt. Zum Warten auf ein Fortschreiten seines Asylprozesses, darauf, dass er heute zur Polizei geht und diese ihn registriert.

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Er war die gesamten Tage über sehr angespannt. Selten huschte ein unbekümmertes Lächeln über sein Gesicht. Selten kann er alles vergessen und die wenigen schönen Momente, die sich ihm bieten, genießen. Ihm ist bewusst, dass er, wenn alles gut läuft und die Polizei ihn registriert, zunächst ins Gefängnis kommt. Und das für eine unbestimmte Zeit.

Auch in dieser schwierigen Situation zeigt er sich unglaublich dankbar für das Wenige, das wir ihm anbieten können.

Heute Morgen ist Heval dann zum zweiten Mal zur Polizei gegangen, wie es ihm am Donnerstag gesagt wurde. Die einzige Information, die wir seit dem bekommen haben, lautete, dass die Polizei ihn wieder weggeschickt habe. Seitdem haben wir nichts mehr von ihm gehört. Wo er die Nacht verbringt, wissen wir leider nicht.

Zeichnung für Familie

Dies ist eine Zeichnung, die für die Erklärung der Registrierung angefertigt wurde.

10.10.2017:

Heval ist heute wieder zu Habibi.Works gekommen. Ich habe ihn zur Begrüßung umarmt. Er wollte die Umarmung gar nicht mehr lösen. Er macht einen verzweifelten und ratlosen Eindruck. Er weiß nicht, wie es weitergehen soll. Er muss doch unbedingt registriert werden, damit sein Asylprozess starten kann und er Unterstützung bekommen kann. Doch nach der erneuten Verweigerung der Polizei, ist erstmal keine Perspektive in Sicht. Die letzte Nacht hat er bei einem Bekannten geschlafen. Jetzt ist er wieder auf sich alleine gestellt. Denn noch immer hat sich keine Organisation gefunden, die ihn in seiner Situation unterstützen kann.

17.10.2017:

Eine Woche ist es nun her, dass Heval wieder bei uns erschienen ist. Er ist seitdem nicht mehr bei der Polizei gewesen, da die Erfahrung der Habibi.Works-Crew ohnehin wenig Aussicht auf Erfolg versprach. Die Habibi.Works-Crew versucht nun, dass UNHCR ein offizielles Schreiben aufsetzt, damit Heval etwas in der Hand hat, wenn er das nächste Mal zu Polizei geht. In diesem Schreiben soll UNHCR bestätigen, dass sie von dem illegalen Vorgehen der Behörden wissen und auch seit wann Heval bereits ohne Papiere ist, obwohl er bereits mehrfach bei der Polizei vorstellig war. Natürlich soll dieses Dokument nicht nur für Heval aufgesetzt werden, sondern eine generelle Hilfe für alle Menschen in ähnlichen Situationen darstellen.

Dieser Prozess zieht sich nun auch schon seit einigen Tagen bei UNHCR hin. Die Verantwortlichen in Ioannina haben das Schreiben nach Thessaloniki weitergeleitet, um es dort von einem höheren Verantwortlichen absegnen zu lassen. Bis dies geschehen ist, können wieder Tage vergehen, wenn nicht sogar Wochen. Dies sind Tage und Wochen in denen Heval als „Illegaler“ weiterhin keinen Status und Zugang zum Asyl- und Hilfesystem in Griechenland hat und ohne Hilfe vom Staat oder Hilfsorganisationen überleben muss.

Während sich der Warteprozess bei Heval also weiter in die Länge zieht, eskaliert die Gewalt im Nordirak weiter. Heval verfolgt dies genau über sein Smartphone. Seine Familie lebt noch immer Irak. Ob sie von der Gewalt unmittelbar bedroht ist, weiß ich nicht. Es ist Heval jedoch anzumerken, dass ihm diese erneute Gewalteskalation sehr nahegeht. Die Möglichkeit seine Familie in Sicherheit zu bringen, heißt Familiennachzug. Doch dafür benötigt er unbedingt die Registrierung, um daraufhin Asyl zu beantragen zu können. Diese Tatsache wird Heval weiter unter Druck setzen. Doch er selbst ist zum Warten verdammt und kann nichts weiter tun.

Um Heval auf andere Gedanken zu bringen, haben wir in der letzten Woche begonnen ihn in den Hausbauprozess bei Habibi.Works einzubinden. Es ist ihm sichtlich anzusehen, wie gut es ihm tut, tagsüber eine „sinnvolle“ Beschäftigung zu haben. Auch wenn dies in diesem Fall lediglich bedeutet, dass er Bretter für das Dach zusammen hämmert oder Schrauben für die Befestigung der Fenster festzieht. Dennoch ist es ihm anzumerken, dass er die Ablenkung genießt. Immer wieder zeigt er auf seinen Kopf und sagt dazu mit einem breiten Lächeln auf dem Gesicht „good“.

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Heval gemeinsam mit Henning beim Hausbau

An Tagen, an denen wir nicht am Haus arbeiten, beginnt Heval damit sich andere Beschäftigungen bei Habibi.Works zu suchen. Egal ob er das dreckige Geschirr von 50 Leuten in der Spüle abwäscht oder die Terrasse, die schon länger mal wieder gewischt werden musste, putzt. Zusätzlich baut er sich kleine Gegenstände, die er aktuell gebrauchen kann, wie ein kleines Schemelchen.

Außerdem haben wir es in der letzten Zeit immer mal wieder geschafft, dass sich jemand aus unserem Team Zeit nimmt, um mit Heval zusammen Englisch zu lernen. Er hat seit neuestem sogar ein eigenes Heft. Das erste was wir dort gemeinsam reingeschrieben haben, war das Alphabet. Er muss die englische Sprache von Grund auf neu lernen. Er muss sich einprägen wie jeder einzelne Buchstabe ausgesprochen und wie er geschrieben wird. Und trotzdem ist dieses kleine Heft nun sein ständiger Begleiter geworden.

20.10.2016:

In den Registrierungsprozess von Heval ist auch bis heute noch keine Bewegung gekommen. Er ist weiterhin im Wartestand. Inzwischen wurde eine weitere Möglichkeit in Betracht gezogen, sich in Griechenland registrieren zu lassen. Dies soll durch ein Skype-Videotelefonat mit der Asylbehörde möglich sein. Diese Möglichkeit war in der Vergangenheit jedoch noch nicht erfolgreich. Deshalb ist es auch nicht verwunderlich, dass bisher beim angegebenen Kontakt niemand erreicht werden konnte. Die volle Konzentration (und Hoffnung auf ein baldiges Ende des Wartens) liegt daher weiterhin auf dem offiziellen Schreiben von UNHCR. Doch leider ist die Absegnung noch nicht in Ioannina angekommen. Deshalb wartet Heval nun schon seit 16 Tagen auf eine Veränderung seiner Situation.

Wie groß sein Wunsch auf eine Registrierung ist, zeigt sich, wenn er morgens vor dem Laptop sitzt und immer wieder versucht die Asylbehörde per Skype zu erreichen, obwohl sich bereits seit einer Stunde niemand am anderen Ende der Verbindung gemeldet hat. Er bleibt unermüdlich und hofft weiter.

23.10.2017:

Gestern Abend erzählte Heval uns, dass er gesundheitliche Probleme hat. Seine Schilderungen hörten sich für uns Laien beängstigend an.

Meine erste Reaktion war: Dann sollte er zum Arzt gehen und das checken lassen. Der zweite Gedanke war dann, dass er ja „illegal“ ist und keine Papiere besitzt. Auch Freiwillige, die schon lange bei Habibi.Works sind, wussten erst nicht, welche Konsequenzen dies für Heval bedeuten könnte. Auf seinen eigenen Wunsch ist Heval ins Krankenhaus gegangen, nachdem wir herausgefunden haben, dass er im Krankenhaus behandelt werden muss und das Krankenhauspersonal nicht die Polizei verständigen wird.

Dort wurde er dann auch behandelt, obwohl sich auch die Krankenhausangestellten nach seinen Papieren erkundigten, die er aktuell nicht hat. Eine Aussage der Krankenhausangestellten war daraufhin, dass die Behandlung kostenlos wäre, wenn er nur ambulant behandelt wird und nach den Untersuchungen wieder gehen könne. Falls Heval jedoch im Krankenhaus bleiben müsse und dort eine Weiterbehandlung notwendig wäre, würde dies Kosten verursachen. Diese müsste dann jemand begleichen, da Heval durch seinen Status „illegal“ nicht versichert ist. Und wieder zeigt sich die Hilflosigkeit, in der Heval sich aktuell befindet. Es ist unvorstellbar für mich, was in ihm in solchen Momenten vorgehen muss.

Glücklicherweise stellten sich Hevals Beschwerden als nicht so bedrohlich heraus, sodass er das Krankenhaus wieder verlassen konnte. Jedoch zeigt mir diese Situation wieder einmal, welche katastrophalen Auswirkungen die aktuelle Politik der Behörden in Griechenland für Geflüchtete haben kann, wenn diese als „illegal“ gelten.

25.10.2017:

Am heutigen Dienstag waren erstmals Verantwortliche der UNHCR-Abteilung von Ioannina bei uns, um die weiteren Schritte im Fall von Heval zu besprechen sowie für ähnliche Situationen eine generelle Vorgehensweise abzusprechen. Die Ergebnisse dieser Gespräche waren eher ernüchternd.

In Bezug auf Heval konnte UNHCR kaum Unterstützung anbieten. Es wurde vereinbart, dass sich ein UNHCR-Angestellter mit Heval um 9.30 Uhr bei der örtlichen Polizeistation trifft. Die Unterstützung soll sich allerdings auf eine Begleitung in den ersten Stock zur zuständigen Behörde beschränken. Sobald Heval vor der „richtigen“ Tür angekommen ist, endet die Unterstützung von UNHCR. Hierdurch kann in keinem Fall sichergestellt werden, dass die Polizei ihr Vorgehen zu den letzten Versuchen von Heval, Asyl zu beantragen, abweichen wird. Noch nicht einmal das angekündigte Schreiben von UNHCR wurde abgesegnet. Lediglich sollen im Falle einer erneuten Abweisung die Zuständigen bei der Polizei in Ioannina darauf hingewiesen werden, dass UNHCR Kenntnis von den Vorgängen habe.

In Bezug auf einen generellen Umgang mit Menschen, die sich in ähnlichen Situationen befinden, konnten auch keine konstruktiven Vorgehensweisen abgesprochen werden. Erneut hat UNHCR, eine Stelle, die ihrer Definition nach die Menschenrechte schützen soll, darauf hingewiesen, dass sie mit Menschen ohne Papiere nicht arbeiten dürfen und können. Doch gerade diese Menschen sind von Menschenrechtsverletzungen betroffen. Sie sind ohne Unterstützung und könnten als die Schwächsten beschrieben werden. Genau in diesen „Fällen“ möchte UNCHR gerne die Initiative den kleinen Organisationen überlassen, die sich ebenfalls in einer rechtlichen Grauzone aufhalten. Ebenso wird die Betreuung von hauptamtlichen, ausgebildeten Helfern auf Ehrenamtliche übertragen oder findet überhaupt nicht statt.

Die UNCHR-MitarbeiterInnen berichteten darüber hinaus von Menschen ohne Papiere und Registrierung, die in Ioannina auf dem Gelände des Bahnhofs und anderen öffentlichen Plätzen schliefen. Hier werde ein Akteur gesucht, der sich der Betreuung dieser Menschen annimmt. UNCHR könne lediglich Decken und Zelte verteilen.

Als die Verantwortlichen von UNHCR wieder gegangen sind, versuchen wir mithilfe eines Dolmetschers am Telefon, Heval das Vorgehen für den nächsten Tag zu erklären. Dass er sich an der Polizeistation um 9.30 Uhr mit einem Verantwortlichen trifft. Er fragt, ob er einen Dolmetscher bekommen wird. Und alles, was wir ihm antworten können, ist, dass wir alles versuchen werden, um einen aufzutreiben. Wir versuchen ihm aber nicht zu viel Hoffnung zu machen, weil die Vergangenheit nicht viel Grund zur Hoffnung auf einen Dolmetscher macht.

26.10.2017:

09:00Uhr:

Am heutigen Morgen ist Heval mit einer UNCHR-Mitarbeiterin vor der Polizeistation in Ionnina verabredet. Noch auf dem Weg zur Polizeistation versucht eine Freiwillige von Habibi.Works, einen Dolmetscher zu organisieren, da UNHCR keine Möglichkeit gesehen hat, selbst einen zu stellen.

Glücklicherweise waren die Bemühungen erfolgreich und es waren sowohl ein Protection Officer als auch ein Übersetzer von der Organisation „Greek Council for Refugees“ (folgend als GCR) kurzfristig zu erreichen. Sowohl der Protection Officer als auch der Dolmetscher werden Heval in die Polizeistation begleiten und während der Registrierung bei ihm bleiben. Dies ist ein riesiger Erfolg und erhöht Hevals Chancen, nicht zurückgewiesen zu werden, erheblich.

Um 9.40 Uhr Ortszeit am 26.10.2017 betritt Heval zum dritten Mal seit er in Griechenland ist die Polizeistation in Ioannina, um registriert zu werden.

18:42 Uhr:

Bis jetzt um 18.42 Uhr haben wir noch keine Nachricht von Heval oder dem Protection Officer bekommen. Im günstigsten Fall bedeutet dies, dass Heval von der Polizei in Gewahrsam genommen wird, bis die Registrierung durch ist.

22.00 Uhr:

Heval hat sich endlich per Telefon bei uns gemeldet. Er sitzt nun im Gefängnis und sein Registrierungsprozess ist gestartet. Hoffentlich wird es nicht lange dauern. Denn bereits eine Nacht im Gefängnis ist eine zu viel.

27.10.2017

Heval hat sich auch heute Abend gemeldet. Er ist im Gefängnis und wartet auf seine Registrierung. Genauere Informationen, wie lange der Prozess noch dauern soll, hat er nicht bekommen.

28.10.2017

Heval hat heute wieder angerufen. Er muss erneut ins Krankenhaus, weil seine gesundheitlichen Probleme wieder stärker geworden sind. Er wird morgen ins Krankenhaus gebracht und wird danach wieder ins Gefängnis zurückmüssen. Anwälte von GCR haben heute seinen Fall übernommen. Auch sie können nicht abschätzen, wie lange der Prozess noch dauern wird. Hoffnung macht uns aber, dass Heval nun von einer Organisation und Anwälten begleitet wird. Dies sollte den Druck auf die örtliche Polizei erhöhen und eine schnellere Bearbeitung ermöglichen.

31.10.2017

18:30 Uhr:

Heval hat sich heute Abend wieder bei uns gemeldet. Er sitzt noch immer im Gefängnis, seit fünf Tagen schon. Er hat noch immer keinerlei Angaben von der Polizei wie lange er weiterhin dort eingesperrt sein wird. Er ist derart von der gesamten Situation ernüchtert, sodass er gesagt hat, sollte sich nicht bald etwas ändern, wolle er zurück in sein Heimatland gehen.

22:00 Uhr

Heval hat gerade ein zweites Mal angerufen. Er hat uns erzählt, dass er nicht mehr warten kann. Er ist frustriert. Er möchte lieber zurück in seine Heimat. Zurück zu seiner Familie. Zurück in die Gefahr vor der er geflohen ist!

Dies ist einer der traurigsten Momente, die wir seit Hevals Erscheinen bei Habibi.Works mit ihm teilen mussten. Die gesamte Situation muss für ihn so schrecklich sein, dass Heval lieber wieder zurück in ein Land geht, aus dem er geflohen ist. Er empfindet die aktuelle Situation in Griechenland schlimmer als die Todesangst, die ihn einst in die Flucht getrieben hat.

02.11.2017:

Auch bis heute ist nichts weiter im Registrierungsprozess von Heval passiert. Er sitzt noch immer im Gewahrsam der Polizei. Wir haben täglich Telefonkontakt mit ihm. Er erzählt uns, dass er nicht mehr länger warten möchte und es ihm nicht gut geht. Er möchte zurück in seine Heimat, weil er hier in Griechenland keine Chance auf eine Weiterentwicklung sieht. Das griechische System der Asylaufnahme scheint ihm all seine übrige Energie genommen zu haben.

06.11.2017:

Wir haben in den letzten Tagen den Kontakt zu Heval nach und nach verloren. Heval wurde in der Nacht vom 02. auf den 03.11. in ein anderes Gefängnis gebracht. In der Nacht vom 03. auf den 04.11. wiederum in ein anderes Gefängnis verlegt. Er ist wohl nun in Igoumenitsa in einem Gefängnis. Darüber hinaus wurde weder Heval noch seine Anwälte über die Verlegungen in Kenntnis gesetzt. Die Anwälte erfuhren von den Ereignissen von uns und wir wiederum haben nur kurze Nachrichten von Heval erhalten, als er bereits aus Ioannina weggebracht wurde. Seit dem 04.11. haben wir überhaupt keinen Kontakt mehr zu Heval aufnehmen können. Auch er hat sich nicht mehr bei uns gemeldet oder melden können.

09.11.2017:

Auch bis heute haben wir noch nichts von Heval gehört. Was dies für seine Situation bedeutet, darüber können wir nur spekulieren. Doch mit Sicherheit bedeutet es, dass Heval bereits seit 15 Tagen im Gefängnis sitzt. Und aus meiner Sicht gibt es hierfür keinen einzigen guten Grund.

Wie endet diese Chronik von Hevals Wartezeit? Ich weiß es nicht. Keiner weiß, wann Heval aus dem Gefängnis kommen wird oder wie es dann mit ihm weitergeht. Ob er noch immer in Europa bleiben möchte und hier ein neues Leben aufbauen will, nachdem er auf diese Art und Weise „Willkommen“ geheißen wurde, wird er entscheiden.

Das Ende bleibt vorerst offen.

Ich möchte im Nachtrag an diesen Beitrag noch ein paar Anmerkungen und Gedanken festhalten.

Bevor ich angefangen habe diesen Blogeintrag zu schreiben, habe ich Heval gefragt, wie er das finden würde. Er war begeistert von dieser Idee. Heval möchte, genauso wie viele Andere in ähnlichen Situationen, dass darüber berichtet wird. Heval möchte, dass auch ihr von diesen Bedingungen wisst.

Darüber hinaus bleibt, dass er mit seiner Geschichte nur ein Gesicht von tausenden ist, die diese Situation schon so oder so ähnlich erlebt haben oder noch immer erleben. Zusätzlich werden Tag für Tag weitere Geflüchtete, die nach Griechenland kommen, durch diese Strukturen in eine unmenschliche Lage gebracht. Auch wir hier bei Habibi.Works werden weiterhin von verzweifelten Menschen aufgesucht, die noch nicht registriert wurden und von der Polizei abgewiesen werden. Doch Habibi.Works darf und kann diesen Menschen nur sehr begrenzt helfen, da sie sich sonst strafbar machen würden und damit das gesamte Projekt Habibi.Works gefährden könnten.

Und genau das ist es, was diese Geschichte so unfassbar macht. Hevals Schicksal ist kein Einzelschicksal. Er hatte nicht einfach nur ganz viel Pech im Gegensatz zu vielen anderen Geflüchteten. Nein. Dies ist das Schicksal von so vielen Menschen in Griechenland.

Was hat das mit mir zu tun? Was kann ich persönlich tun? Das bleiben Fragen, die ich mir nun seit einigen Wochen stelle. Ein Anfang soll dieser Blogeintrag sein. Ich möchte nicht darüber schweigen, dass ganz vielen Menschen Unrecht wiederfährt. Und das in einem Mitgliedsstaat der Europäischen Union. Inmitten der westlichen „Zivilisation“.

Abschließend wünsche ich Dir, lieber Heval, nur das Beste! Mögen sich die Fügungen in Deinem Leben bald wieder zum Besseren wenden und Du Dein ganz persönliches Glück finden.

In Liebe, dein Freund Johannes.

 

Ein Gedanke zu “Heval – Eine Chronik des Wartens

  1. renate distler

    Lieber Johannes,
    ich bin sehr erschüttert von Deinem Bericht!!!! Es muss kaum auszuhalten sein, nichts tun zu können! Das schrecklichste ist, wenn Menschen wie Heval wieder in ihr Land zurückreisen, weil sie die menschenunwürdigen Bedingungen und die Aussichtslosigkeit ihrer Situation nicht mehr verkraften. Ich wünsche und hoffe für Heval. dass sein Asylantrag bald genehmigt wird und er seine Familie nachholen darf.
    Dir und allen freiwilligen Helfern wünsche ich viel Kraft und einen langen Atem! Ihr jungen Menschen seid ein gr. Hoffnungszeichen in unsere Welt, die zunehmend ausgrenzt und sich von den Nöten der Menschen abwendet. Ich finde es bewundernswert, dass Ihr Euch berühren lasst und das Schicksal der Flüchtlinge in der Tat und im Herzen mittragt!
    Mit bewegtem Herzen und vielen positiven Gedanken bin ich bei Euch,
    Deine Mama

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