„Time is up“

Unser Warten hat ein Ende. Am 28. September sind wir endlich in unser Projekt gestartet. Insgesamt drei Tage waren wir mit dem Auto unterwegs, bis wir am 30. September in Athen angekommen sind. Auf unserem Weg durften wir in Serbien bei dem Projekt „Rigardu“ für eine Nacht schlafen. Dort werden wir im November für mindestens 3 Wochen mitarbeiten. „Rigardu“, welches an der serbisch-kroatischen Grenze in Sid angesiedelt ist, unterstützt fliehende Menschen, die unter schwersten Bedingungen leben. In einem alten Bahnhofsgebäude leben die geflohenen Menschen ohne staatliche Unterstützung. Mit mobilen Duschen, Essensausgaben und einem offenen Ohr versuchen die Freiwilligen in Sid das Nötigste für die Menschen dort zur Verfügung zu stellen. Bereits die wenigen Stunden, die wir gemeinsam mit den Freiwilligen von „Rigardu“ verbracht haben, zeigten uns wie wichtig deren Engagement dort ist. Unsere weitere Fahrt führte uns über Bulgarien und einen kleinen Zwischenstopp in Thessaloniki bis nach Athen.

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Unter dem Slogan „Time is up“ (Die Zeit ist um) demonstrierten tausende Menschen in mehreren europäischen Städten (unter anderem in Athen, Madrid, Lyon, Amsterdam und München) am 30. September für eine schnellere Verteilung von Geflüchtete innerhalb der EU. Wir sind nach Athen gefahren, um an der Demonstration teilzunehmen, welche auch von den Verantwortlichen unseres aktuellen Projekts „Habibi.Works“ mitorganisiert wurde. Die Demonstrationen und die anschließenden Kundgebungen wurden von einem Zusammenschluss von 73 Organisationen aus ganz Europa gestaltet. Gemeinsam agieren sie unter dem Namen „#sickofwaiting“ (https://www.sickofwaiting.org/index.asp –> hier könnt ihr schauen, wie ihr dieses Vorhaben unterstützen könnt).

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„#sickofwaiting“ hat es sich zur Aufgabe gemacht die Europäische Union und deren Mitgliedsstaaten an ihre Verpflichtungen zu erinnern, die sie sich selbst mit dem „Relocation Program“ 2015 auferlegt haben (https://ec.europa.eu/home-affairs/sites/homeaffairs/files/what-we-do/policies/european-agenda-migration/background-information/docs/2_eu_solidarity_a_refugee_relocation_system_en.pdf). Damals wurde die Verteilung von insgesamt 116.670 Flüchtlingen aus Italien und Griechenland in die übrigen Mitgliedstaaten der EU beschlossen. Am 26.09.17 ist die Frist für die Verteilung aus dem „Relocation Program“ von 2015 abgelaufen und kaum ein EU-Staat hat die ausgemachte Anzahl an geflohenen Menschen aufgenommen. Auch Deutschland ist seiner Verpflichtung nicht nachgekommen und hat von vereinbarten 29.136 Geflüchteten nur 6.078 aufgenommen, was gerade mal 20,86% entspricht (Stand 19.06.2017). Im europäischen Vergleich sind Länder wie Irland (87,41%), Malta (86,90%) und Finnland (73,22%) führend, und das obwohl auch sie die Frist nicht eingehalten haben. Die Staatsregierungen von Ungarn und der Slowakei haben sogar versucht gerichtlich gegen dieses Abkommen vorzugehen und sind mit einer Klage vor dem Europäischen Gerichtshof gescheitert. Während die Klage und deren Abweisung sehr medienwirksam in Deutschland kommentiert wurde, sind die „Nicht-Einhaltungen“ der übrigen EU-Staaten gänzlich unter den Tisch gefallen.

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Da dies aber für die fliehenden Menschen in Griechenland und Italien aktuell die einzige legale Möglichkeit ist, die überforderten Aufnahmeländer zu verlassen, ist es zwingend notwendig, dass die EU-Mitgliedstaaten ihrer Verpflichtung nachkommen und die vereinbarte Anzahl Menschen aufnehmen. Darüber hinaus sollte eher eine Erweiterung der Kontingente diskutiert werden, da die Fluchtursachen in den Herkunftsländern noch immer nicht beseitigt sind und somit immer weiter Menschen in Griechenland und Italien ankommen (werden). Auf unserer bisher sehr kurzen Reise haben wir bereits mit sehr vielen Menschen gesprochen, die teilweise seit über einem Jahr auf eine legale Möglichkeit zur Weiterreise warten.

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Um auf diese Umstände hinzuweisen, wollen die Organisatoren von „Time is up“ die Aktionen in Madrid, Amsterdam, Lyon, Athen und weiteren europäischen Städten als ein Weckruf verstanden wissen. An Europas Außengrenzen sterben tausende Menschen und nichts wird dagegen unternommen. Die Rechte von fliehenden MENSCHEN werden immer wieder verletzt und nichts wird dagegen unternommen. Falsche Informationen nähren die Furcht, die zu Rassismus und Faschismus führt und nichts wird dagegen unternommen. Darauf will „#sickofwaiting“ aufmerksam machen und stattdessen für ein vereintes Europa einstehen. Symbolisch wurde in Athen eine halbe Brücke errichtet, die in den übrigen europäischen Städten komplettiert wurde. Als Brücke aus Griechenland in den Rest von Europa.

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Die Frustration vieler geflohenen Menschen war auf der Demonstration und ist auch in unserem Projekt „Habibi.Works“ in Nordgriechenland zu jeder Zeit spürbar. Viele Menschen sind von ihren Familien getrennt oder warten seit mehr als einem halben Jahr darauf, die Perspektivlosigkeit in Griechenland verlassen zu dürfen. Sie wollen endlich in einem „neuen Leben“ ankommen, einen Job suchen oder einfach nur ihre Ehepartner und Kinder wieder in die Arme schließen. Dies alles ist für viele in Griechenland nicht möglich. In dieser frustrierenden Situation bekommen sie bei „Habibi.Works“ die Möglichkeit etwas „Sinnvolles“ zu tun und nicht nur zu warten.

Was ihr Euch genau unter dem Projekt „Habibi.Works“ vorstellen dürft, könnt ihr hier auf ihrer Facebook-Seite sehen: https://www.facebook.com/HabibiWorks/?ref=br_rs. Ansonsten werden wir bald einen kompletten Blogeintrag zu Habibi.Works schreiben, um Euch noch nähere Eindrücke aus Griechenland geben zu können. Bitte entschuldigt an dieser Stelle, dass wir mit unserem ersten Blogeintrag so lange gebraucht haben. Die letzte Woche hier war für uns sehr ereignisreich und wir haben einfach nicht früher die Zeit gefunden, diesen Eintrag fertig zu stellen.

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Wir hoffen, dass wir schon bald die nächsten Erfahrungsberichte mit Euch teilen können. Bis dahin eine gute Zeit und Danke fürs Lesen.

 

*Die Aufnahmen von Einzelpersonen wurden mit deren Einverständniss aufgenommen.